Was tun, wenn die eigene Position untergraben wird?

von Stefan Günzinger

Beitrag von David Maxfield | VP Research bei VitalSmarts | Co-Author von Crucial Conversations®, Crucial Accountability® und Influencer

Was tun, wenn die eigene Position untergraben wird?

Lieber David,

ich bin seit vielen Jahren ehrenamtlicher Mitarbeiter und mittlerweile Angestellter einer kleinen, gemeinnützigen Organisation. Vor Kurzem haben wir einen neuen Geschäftsführer bekommen, dessen Führungsstil ziemlich herausfordernd für mich ist. Ich leite die Abteilung Lernen & Entwicklung und bisher habe ich alle Lehrveranstaltungen geplant. Der neue Geschäftsführer hat nun eigene Veranstaltungen entwickelt, ohne sich mit mir zu beraten, und bietet den Mitarbeitern, die von ihm erarbeiteten Schulungen an, während die von mir geplanten Kurse unberücksichtigt bleiben. Ich habe in der Vergangenheit, Kooperationen mit einer Vielzahl von externen Organisationen aufgebaut. Mit diesen Unternehmen hat der neue Chef ein Treffen zum gegenseitigen Kennenlernen arrangiert. Ich wurde dabei ausgeschlossen. Vor Kurzem lud er ehrenamtliche Mitarbeiter mit Schlüsselfunktionen, zu einem Visionsseminar ein, das von externen Beratern geleitet wurde. Ich war nicht eingeladen. Als ich versucht habe, meine Ausgrenzung mit ihm zu besprechen, wurde er sehr defensiv und wütend. Es scheint, als ob unsere Kommunikation völlig abgebrochen ist. Mein Arbeitsbereich wurde eingeschränkt. Mittlerweile zögere ich, bestimmte Lehrveranstaltungen zu entwickeln, da ich keine Ahnung habe, was er von sich aus plant. Wie kann ich damit umgehen?

Mit freundlichen Grüßen,
von Einem, der sich untergraben fühlt

Lieber Untergrabener,

das mag sich zwar nach einer sehr individuellen Situation anhören, ist es aber nicht. Tatsächlich könnte jeder, der das liest, der nächste sein, dem so etwas passiert. Lass es mich Dir wie folgt skizzieren: Du bist einer Organisation beigetreten, in der Du ganz unten angefangen hast, in diesem Fall als Ehrenamtlicher. Dann hast Du Dich nach und nach, in eine einflussreiche Position hochgearbeitet. Plötzlich hast Du einen neuen Chef und alles ändert sich zum Schlechten. Was kannst Du tun? Ich werde Dir ein paar allgemeine Herangehensweisen vorschlagen.

Finde heraus, welche aktuellen organisationsbedingten Probleme es gibt

Beginne mit einer umfassenden Betrachtung der Gesamtsituation. Es wäre zwar einfacher, Deine Situation als Problem auf der Beziehungsebene anzusehen, Du solltest aber nach tieferliegenden organisationsbedingten Schwierigkeiten suchen.

Hat Dein Unternehmen in letzter Zeit Rückschläge hinnehmen müssen oder wurde es gravierenden Risiken ausgesetzt? Ich meine Themen wie, finanzielle Stabilität, ausgewogenes Fundraising, effektiv arbeitende Vorstände, einen klaren strategischen Plan und aufeinander abgestimmte und effektive Entwicklungspläne. Wenn der Vorstand eines Unternehmens, einen Geschäftsführer verliert oder sich entscheidet, den Geschäftsführer zu wechseln, geht es oft um Schwierigkeiten in einem oder mehreren der oben genannten Bereiche, die gelöst werden müssen.

Vergiss nicht, dass Dein Chef dem Vorstand verpflichtet ist. Dieses Problem könnte also mehr mit seinen Chefs, als mit Dir zu tun haben. Du kannst darauf wetten, dass der Vorstand ihm eine Reihe von Prioritäten gegeben hat, und es ist gut möglich, dass sie ihm aufgetragen haben, dem Personal nichts mitzuteilen. Mit anderen Worten, vielleicht ist dieses Problem nichts Persönliches. Zumindest kann es sein, dass es nicht auf Dich bezogen ist.

Erkenne die Prioritäten des neuen Geschäftsführers

Du beschreibst Deinen Geschäftsführer als "defensiv". Das hört sich zutreffend an. Was denkst Du, ist es, was er verteidigt? Wie könnte er Dich so wahrnehmen, dass es für ihn so aussieht, als stündest Du seinen Prioritäten im Weg? Ich habe nicht genügend Informationen, muss also spekulieren worum es hier geht, aber folgende Möglichkeiten könnten zutreffen:

  • Vielleicht hat ihn der Vorstand eingestellt, um die Organisation auf neuen Kurs zu bringen, und Du stehst für den "alten Kurs".
  • Möglicherweise haben ihn seine Chefs gebeten, die Führung bei einer Reihe von Änderungen zu übernehmen, was bedeutet, dass Du nicht als der angesehen wirst, der den Umschwung bringen kann.
  • Es könnte auch sein, dass der neue Geschäftsführer viel Fachkompetenz im Bereich Lernen & Entwicklung mitbringt und jetzt in einer Organisation angekommen ist, in der er sich rundum wohlfühlt und endlich in der Lage ist, etwas zu bewirken. Er will ein persönliches Zeichen setzen und das Rampenlicht nicht mit jemandem wie Dir teilen müssen.

Einige dieser Möglichkeiten schmeicheln Deinem Geschäftsführer nicht. Ich versuche nicht, ihn zu verteidigen, sondern ihn zu verstehen. Je mehr Du über seine Prioritäten weißt, desto besser wirst Du in der Lage sein, ein gemeinsames Ziel zu finden oder ihm zumindest nicht im Weg zu stehen.

Finde heraus, was Du wirklich willst

Frage Dich, was Du langfristig für Dich selbst, für den neuen Geschäftsführer und für das Unternehmen willst. Du bist dieser Organisation als Ehrenamtlicher beigetreten, das heißt, dass Dir ihre Mission am Herzen liegt. Du arbeitest schon lange dort, also schätze ich, Du hast Kollegen, die Freunde geworden sind und Du magst Deine Position, als Leiter der Abteilung Lernen & Entwicklung. Welche dieser (und anderer) Werte sind für Dich am wichtigsten?

Es klingt so, als hätte der Geschäftsführer, Deine Aufgabe im Bereich Lernen & Entwicklung übernommen. Ist das Unternehmen groß genug, um andere Fachbereiche zu übernehmen, die Dir auch gefallen könnten? Gibt es andere Tätigkeitsfelder, die es Dir ermöglichen würden, Dich weiterhin mit den Kollegen, die Du betreust, auf die Mission des Unternehmens zu konzentrieren? Oder gibt es eine andere Organisation, die einer ähnlichen Mission dient und Deine Erfahrung im Bereich Lernen & Entwicklung benötigt? Überlege Dir Alternativen, damit Du Optionen hast, falls sich Deine Position ändern sollte.

Suche nach gemeinsamen Zielen

Aus Deinen Schilderungen schließe ich, dass der neue Geschäftsführer Dich so wahrnimmt, als stündest Du zwischen ihm und seinen Zielen. Vielleicht sieht er Dich als Konkurrent. Frag Dich, ob er damit recht hat. Beinhaltet Dein Engagement für die Organisation auch eine Unterstützung für ihn? Bist Du mit seinem Kurs für das Unternehmen nicht einverstanden? Hast Du Deine Bedenken auf eine Weise geäußert, die ihn glauben lässt, dass Du nicht auf seiner Seite bist?

Wenn Du den neuen Chef unterstützen kannst, dann musst Du einen Weg finden, ihm diese Unterstützung offen zu zeigen. Du musst ihn davon überzeugen, dass Du hinter ihm stehst. Wenn er das spürt, wird er aufhören, Dich als Gegner zu behandeln. Wahrscheinlich wird es mehr als nur Worte erfordern.

Der überzeugendste Weg, Unterstützung zu zeigen, ist, Opfer zu bringen. Die am häufigsten gewählten Opfer sind Zeit, Geld, Prioritäten und das eigene Ego. Denke darüber nach, was Du bereit wärst, abzugeben, und was ihn davon überzeugen könnte, dass Du wirklich auf seiner Seite bist.

Gewinne Einfluss durch Zuhören

Bitte Deinen Geschäftsführer um die Gelegenheit, ihm zuzuhören und von ihm lernen zu dürfen. Sei Dir darüber im Klaren, dass es wichtig ist, dabei offen und wertschätzend zu sein. Stelle offene Fragen wie: "Was sehen Sie als die größten Herausforderungen für das Unternehmen an?", "Wie muss sich unser Unternehmen in den nächsten ein oder zwei Jahren verändern?", "Wie kann ich Sie am besten unterstützen?". Wende vertiefende Fragen an, die ihn zum Reden und Erklären einladen: "Das ist interessant, erzählen Sie mir Bitte mehr darüber!", oder "Können Sie mir ein Beispiel dazu geben?". Unterlasse bohrende Fragen und vermeide es, Vorschläge zu machen. Übe Dich in der Fähigkeit aufmerksam zuzuhören.

Worauf solltest Du beim Zuhören achten? Konzentriere Dich darauf, mehr über seine Prioritäten zu erfahren. Erkenne, wie er Dich und Deine Rolle sieht und höre hin, ob es Hoffnung für eure Zusammenarbeit gibt. Sei offen und nimm Dir Zeit, um zu sorgfältig abzuwägen, was Du in diesem Gespräch erfahren hast.

Denke über einen Jobwechsel nach

Ich denke, Du solltest auch darüber nachdenken, Dir einen neuen Job zu suchen. Aber vergiss nicht, dass es immer am einfachsten ist, einen neuen Job zu finden, solange Du noch einen hast. Selbstverständlich möchtest Du auch ein hervorragendes Empfehlungsschreiben, vom neuen Geschäftsführer erhalten. Hinterlasse keine Scherben, verliere nicht die Beherrschung und kritisiere ihn nicht nachträglich. Sei Dir darüber bewusst, dass Du in einer kleinen, vernetzten Welt lebst und arbeitest.

Ich hoffe, dass ich Dir damit etwas helfen konnte und wünsche Dir viel Glück!

Wenn es Leser gibt, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen, würde ich mich freuen von deren Erfahrungen, Erkenntnissen und Vorschlägen zu lesen.

Mit freundlichen Grüßen,
David

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