Wie man aus kommunikativer Sicht mit einem Streik umgeht

von Stefan Günzinger

Beitrag von Joseph Grenny | Mitgründer von VitalSmarts@ | Bestsellerautor von Crucial Conversations®, "Crucial Accountability® und Influencer

Wie man aus kommunikativer Sicht mit einem Streik umgeht

Lieber Josef,

unser erster Pflegestreik steht unmittelbar bevor. Die Mitarbeiter sind tief frustriert über diese Situation. Patienten und Familien machen sich Sorgen über die Versorgungsqualität durch vorübergehend Beschäftigte in unserer Einrichtung und langfristige Arbeitsbeziehungen werden durch die Entscheidung zerrissen, zu streiken oder zu arbeiten. Ich hoffe weiterhin, dass wir darauf bauen können, was uns verbindet: wichtige Arbeit zu leisten, uns als wertvolle Leistungsträger zu fühlen und das Beste für unsere Patienten, Familien, Angestellten und die Gemeinschaft zu geben. Welche Gesprächsprinzipien können uns in dieser Krise weiterhelfen?

Unterzeichnet,
ein Streikerstling

Lieber Streikerstling,
es tut mir leid zu hören, dass der Dialog abgerissen ist. Ich wünsche Dir eine schnelle Lösung des Konflikts, damit alle zu ihrer eigentlichen Aufgabe zurückkehren können, nämlich, das Leben der Pflegebedürftigen zu verbessern. Der Verhandlungsprozess wird sicherlich eine Eigendynamik entwickeln, aber trotzdem gibt es Vieles, was die einzelnen Teamleiter tun können, um sowohl die Dauer des Streiks, als auch die Stimmung während der Verhandlungszeit zu beeinflussen. Auch die Regenerationszeit nach Beendigung des Streiks kann so verkürzt werden.

1. Hinterfrage Deine Interpretationen

Eine der gravierendsten Auswirkungen eines Streiks, besteht in der Art und Weise, wie die spaltenden Urteile und Ansichten zwischen den Gruppen genährt werden. Die räumliche Trennung hat zur Folge, dass Du ausschließlich mit denjenigen sprechen kannst, die mit einer der beiden Interessengruppen sympathisieren. Das ist gefährlich. Es verstärkt Feindseligkeit und Klüngel. Wenn eine Interessengruppe eine Aussage in der Presse macht, neigt die andere dazu, nach Interpretationen zu suchen, die der anderen Gruppe Schaden zu fügt.

So werden beispielsweise öffentliche Beschwerden über Löhne oder Arbeitsbedingungen als Beweis für Egoismus oder Unredlichkeit uminterpretiert. Das Beste, was Du tun kannst, ist, alle zu ermutigen (Dich selbst eingeschlossen), die Ansichten der Anderen so wohlwollend wie möglich zu bewerten. Vermeide spaltende Bezeichnungen wie „außertariflich“, „Gewerkschaft“ oder „Personal“. Verwende menschlich verbindende Labels wie „Kollegen“ oder „unser Pflegeteam“. Solltest Du feststellen, das Du selbst dabei bist eine „gerechtfertigte“ Empörung über Deine streikenden Kollegen zu empfinden, benutze es als Hinweis, um Deine eigenen Interpretationen zu hinterfragen.

2. Unterbreche unzutreffende Ansichten der Gegenseite!

Vermeide es, falsche Ansichten über Dich zu nähren und bringe widerlegende Daten ein! Erkenne, dass es für die anderen genauso so schwierig ist, eine positive Denkweise über Dich zu bewahren, wie es für Dich ist, gute Ansichten über sie aufrechtzuerhalten. Um ihre Urteile über Dich zu bestätigen, brauchen sie nichts von Dir. Lass diese Aussage für einen Moment auf Dich wirken! Wenn sich andere verletzt oder bedroht fühlen, braucht es absolut nichts um ihre „Schauergeschichte“ über Dich, als „den Bösen“ zu bestätigen!

Indem Du einfach nur teilnahmslos und distanziert bist, bietest Du ihnen aktiv alles an, was sie brauchen, um ihren Verdacht über Deine negativen Absichten und Deine mangelnde Sorge um sie zu bestätigen. Stell Dir zum Beispiel vor, Du sitzt Deiner Chefin gegenüber und öffnest Dich auf eine sehr verletzliche Weise. Du sprichst mit ihr über Bedenken, die Du mit ihrem Führungsstil hast. Die ganze Zeit über starrt sie Dich teilnahmslos an. Kein Lächeln. Kein Stirnrunzeln. Keine Antwort. Was würde Dir dabei durch den Kopf gehen? In diesem empfindlichen Moment der Ungewissheit würdest Du nach Anzeichen Deiner Chefin suchen, die Dir vermitteln, dass Du Dich sicher fühlen kannst. Sie bietet aber nichts an. Ihr Verhalten löst aus, dass Du Dich unsicher fühlen wirst.

Das ist es, was während eines Streiks passiert. Wenn das Management sich einfach nur distanziert zurückzieht, bestätigen sie unwissentlich den schlimmsten Verdacht derjenigen, die sich verunsichert und verletzt fühlen. Das Beste, was man tun kann, ist, sich unerwartet großzügig zu verhalten: sende freundliche Nachrichten, lächle, wenn Du jemanden in der Öffentlichkeit begegnest, bring jemandem Kekse vorbei! Eine Schlachtlinie zwischen den Parteien kann nicht bestehen, wenn sie regelmäßig überschritten wird. Lass also nicht zu, dass zwischen Dir und Deinen Kollegen (über das gesetzlich Notwendige hinaus) eine trennende Linie entsteht.

Diese Anregungen sind nicht nur wichtig um Streitigkeiten am Arbeitsplatz beizulegen. Sie sind der Schlüssel zum Aufbau von Gemeinschaften, in denen hohes Vertrauen herrscht. Gemeinschaften, die wir alle, auf der ganzen Welt, brauchen. Ich hoffe Du wirst uns zeigen, wie das funktionieren kann.

Herzlich,
Joseph

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